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Ich bin in Deutschland

Borsig wirbt mit „Made in Germany“

Gute Geschäfte mit großem Namen

Wo früher Europas Dampflokomotiven zusammengeschraubt wurden, werden heute historische Werbeschilder designt und Kraftwerks-Komponenten gebaut.

Wenn Teja Engel nach zehn Kilometer Jogging sein Büro erreicht, kann er für den Rest des Tages vom Schreibtisch aus den Blick auf den Borsigturm genießen. Oder eine Runde durchs verglaste Großraumbüro drehen. Den kräftigen Minzgeruch nimmt er dann schon gar nicht mehr wahr, der gehört zum Inventar und entweicht den kleinen Blechkästchen für Pfefferminzpastillen, die Engels Firma „Nostalgic Art“ zu Hunderttausenden in Apotheken vertreibt.

7 Nostalgic Art residiert seit 2009 in der 1916 erbauten Kanonenhalle der ehemaligen Borsigwerke in Tegel. Der Name Kanonenhalle steht für die Rüstungsproduktion im Ersten Weltkrieg. Das Familienunternehmen Nostalgic Art hat die Halle mit großen denkmalpflegerischen und finanziellen Aufwand restauriert und zur Firmenzentrale umgebaut.

Nostalgic Art ist aus der Leidenschaft Teja Engels und seiner Brüder für historische Werbeschilder entstanden. Bald erkannten die Brüder, dass viele Menschen diese Leidenschaft teilen und dass es nicht unbedingt Originalschilder aus einem Nachlass oder Firmenfundus sein müssen. Hauptsache, das Motiv wirkt altmodisch und weckt nostalgische Gefühle.

Von allen großen Auto-, Lebensmittel und Spirituosen-Marken hält Nostalgic Art die Lizenz zur Fertigung von Blechschildern, Schlüsselanhängern oder Kaffeetassen, mit denen sich Marken-Fans und Liebhaber historischer Werbegrafik ihr Zuhause schmücken. Unternehmen beauftragen Nostalgic Art auch mit der Produktion von Kundengeschenken. Borsig wäre als nostalgische Marke natürlich auch ein Kandidat zum Bedrucken von Blech oder Porzellan, doch die Nachfolgefirma, die immer noch diesen Namen trägt, habe bislang kein Interesse signalisiert, sagt Engel.

Die Kanonenhalle gehört zum Ensemble erhaltener Bauten aus der Borsig-Ära. Deren Eigentümer sind nicht immer so einfach zu ermitteln wie im Falle von Teja Engel. Oft sind es Investmentfonds ohne Bezug zur historischen Substanz. Neben der Kanonenhalle hat sich die German University Cairo hinter historischen Mauern eingerichtet. Von einem lebendigen Uni-Campus könne allerdings kaum die Rede sein, sagt Engel. Dennoch sei ein weiterer Ausbau der Aktivitäten und der Bau von Studentenapartments geplant, erklärt ein Sprecher des Bezirksamts Reinickendorf.

Euphorie ist verflogen

Ein „Potsdamer Platz des Berliner Nordens“ sei im Entstehen, schrieb der Tagesspiegel im Jahr 2000 über das Borsiggelände, ein „Zentrum für neue Technologien“. Diese Euphorie ist inzwischen verflogen. Der Mobilfunkausrüster Motorola, der in Tegel sein Zentrum für sicherheitskritische Digitalfunknetze untergebracht hatte, brach die Zelte wieder ab.

Was mit der Freifläche passieren soll, auf denen sie früher mit den Beschäftigten von Motorola Fußball gespielt haben, weiß Engel auch nicht. Darunter seien wahrscheinlich erhebliche Altlasten. Viele Grundstücksbesitzer auf dem Gelände hält Engel für „Zocker“, die auf bessere Angebote warten. Laut Bezirksamt kursieren Nutzungsideen für den Fußballplatz, den Motorola inzwischen verkauft hat, aber „zurzeit werden diese Planungsüberlegungen nicht intensiv vorangetrieben“.

In das Verwaltungsgebäude der Motorola-Niederlassung sollen Wehrmachtsakten des Bundesarchivs einziehen. Eigentümer der Gebäude und Werkshallen sind seit 2019 das Hamburger Immobilienunternehmen Becken und die HASPA Projektentwicklungs- und Beteiligungsgesellschaft.

Das Einkaufscenter Borsighallen muss wie alle Berliner Shoppingmalls um Kunden und Umsätze kämpfen. Verkauft wurde auch das Gründerzentrum Phönix. 2020 übernahm das Immobilienunternehmen Coros die 7000 Quadratmeter Büroflächen. Ein anderes Industrieunternehmen, das Engel nur noch als leere Hülle wahrnimmt, ist weiterhin aktiv: Die MAN Energy Solutions SE, die weltweit 14 Standorte betreibt und vor allem Motoren und Kompressoren herstellt. Nach eigenen Angaben sind 400 Mitarbeiter am Standort Tegel beschäftigt.

Es gibt eine Borsig GmbH

Die Firma Borsig existiert auch noch, als entfernter Nachfahre der großen Borsigwerke, entstanden nach der Pleite des Konzerns Babcock Borsig 2002. Heute ist die Borsig GmbH ein Mittelständler mit 500 Mitarbeitern an verschiedenen Standorten, mehr als die Hälfte davon in Tegel.

„Wir wollen das 200. Firmenjubiläum in Berlin feiern“
Jürgen Stegger, Geschäftsführer der Borsig GmbH

Das Unternehmen baut Kraftwerks-Armaturen und große Kompressoren für die Öl- und Gasindustrie, bis zu 300 Tonnen schwer, die über den Borsighafen verschifft werden. Verdichter für grünen Wasserstoff und Membranen zur CO₂-Abtrennung gehören auch zum Portfolio, sagt Geschäftsführer Jürgen Stegger.

Borsig gehört heute zum malaysischen KNM-Konzern, fertigt aber ausschließlich in Deutschland. Das sei sogar vertraglich mit den Kunden so festgelegt, sagt Stegger – „Made in Germany“ sei ein Prädikat. „Die Auftragsbücher sind gut gefüllt“, ein Weggang aus Berlin keine Option. „Wir wollen das 200. Firmenjubiläum in Berlin feiern“ – 200 Jahre Borsig steht 2037 an.

Seit 2016 betreibt Amazon ein Verteilzentrum auf dem Gelände, das früher vom Herlitz-Konzern genutzt wurde, der 2002 pleite ging. In unsanierten Hallen hat Amazon Parkplätze eingerichtet, außerdem wurden Freiflächen angemietet, seitdem habe sich der Unmut über parkende Amazon-Lieferfahrzeuge in dem Quartier wieder etwas gelegt, sagt Engel.

Flächen zu Dumpingpreisen

Amazons Vermieter ist die Dock 100 AG, die rund acht Hektar des Borsig-Areals vermarktet. Lagerflächen sind für 4,50 Euro zu haben, Büros für zehn Euro, das sind für Berlin fast Dumpingpreise. Man sei eben kein herkömmlicher Bürostandort, erklärt ein Sprecher der Dock 100.

Über Amazon werden viele Blechschilder von Nostalgic Art vertrieben, doch eine Beziehung zur benachbarten Amazon-Filiale gebe es nicht, sagt Engel. Überhaupt fehle ein „Wir-Gefühl“ am Standort. Der Bezirk habe mal einen Unternehmer-Stammtisch ins Leben gerufen, doch das währte nicht lange. Rational betrachtet, gebe es auch kaum Anlass sich auszutauschen. „Objektiv ist hier alles in Ordnung.“

Emotionale Verbindung

Engel hätte allerdings gerne die eine oder andere Halle auf dem Gelände übernommen oder ein freies Grundstück erworben, doch die Preise seien nicht von dieser Welt. Trotzdem will er seinen Arbeitsplatz mit Blick auf den Borsigturm nicht aufgeben, die Vorteile seien kaum zu toppen. Im Einkaufscenter könne man gut essen, den Sommer über im benachbarten Flughafensee baden oder die Mittagspause am Ufer des Tegeler Sees verbummeln.

Mit der Kanonenhalle ist Engel auch emotional verbunden. Als kleiner Junge ist er mit Freunden auf dem Gelände „rumgewuselt“ und hat Fensterscheiben der leerstehenden Halle eingeworfen, „die musste ich später alle teuer bezahlen“, erzählt er lachend, ein Fall von ausgleichender Gerechtigkeit. Engel ist am Schäfersee in Wedding aufgewachsen, da hatte er es mit dem Fahrrad nicht weit bis zum Borsiggelände.

Angefangen hat Engels Unternehmerkarriere mit einem Laden für Retro-Artikel am Ku’damm, später wandelte sich Nostalgic Art zum Großhändler und zog in einen Hinterhof an der alten Heidestraße in Mitte, dann ging es nach Reinickendorf. Hier auf dem Borsiggelände arbeiten zu dürfen, inmitten neogotischer Industriepracht, gemauert für Jahrhunderte, macht Engel schon stolz, räumt er ein.

Tor aus dem Jahr 1898

Jeder, der auf das Gelände möchte, muss durchs Borsigtor durch, das 1898 im Zenit der Lokomotivfertigung errichtet worden war. Von einer solchen Aura können die aktuellen Unternehmer nur träumen. Der damalige Schreibwarenkonzern Herlitz versuchte sich in den 1990er Jahren vergeblich als Weltmarktfirma. Allein die Aura des historischen Ortes reicht eben auch nicht.

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